Vuvuzela-Filter für alle!
Verfasst von Hendrik Busch unter Computer & Technik am 14. Juni 2010
Nachdem Tube vor ein paar Tagen grundlegend erläutert hat, wie man einfach Vuvuzela-Gedröhne mit einem Mehrband-EQ herausfiltern kann und ich gestern ein passendes Effekt-Preset für Ableton Live onlinegestellt habe, lege ich jetzt auf Wunsch einiger Leser nochmal nach und biete das ganze auch als Projektdatei für energyXT sowie in einer Freeware-Lösung für Windows an.
Hinweis: Diese Anleitung wurde nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Dennoch übernehme ich keinerlei Haftung für daraus resultierende Schäden oder Probleme, insbesondere nicht an Fernsehern, Stereoanlagen oder Ohren.
Vuvuzela-Filter für Ableton Live
Vuvuzela-Filter für energyXT
Bei energyXT besitzt bereits jede Audiogruppe einen vierstufigen Equalizer, den man nur noch passend einstellen muss. Das habe ich in dem unten verfügbaren Projekt bereits getan und auch gleiche ein Soundbeispiel in den Sequencer geladen. Wer nur das Livesignal filtern möchte, der kann die Sequencer-Gruppe auch getrost löschen. Das ganze Projekt ist schon passen geroutet:
Audio In/Sequencer -> EQ -> Audio Out
Wer das ganze ungefiltert genießen will, um z.B. den Unterschied zu hören, der kann mal den Audio In bzw. den Sequencer direkt in den Audio Out umleiten.
>>> Vuvuzela-Filter-Projekt für energyXT (ZIP, erstellt mit energyXT 2.5 für Windows)
Vuvuzela-Filter für alle
Wer keine DAW-Software sein Eigen nennt, der kann sich seinen Filter mit einem VST Host wie z.B. VSTHost von Hermann Seib und einem Equalizer-Plugin wie dem AiXcoustic Creation Electri-Q posihfopit Edition basteln. Entsprechende Software gibt es auch für Mac OS. Man gehe wie folgt vor:
>>> Vuvuzela-Preset für Electri-Q
Man startet VSTHost und wählt unter “Datei” den Menüpunkt “Neues Plugin…”. Im daraufhin erscheinenden Dialog wählt man die Electri-Q (posihfopit edition).dll, die Electri-Q in das gewählte VST-Plugin-Verzeichnis installiert hat. VST-Host verbindet nun automatisch das Plugin mit Eingang und Ausgang.
Nun öffnet man die Einstellungen des Plugins. Dazu klickt man in dem mittleren Kästchen in der oberen Reihe auf den vierten Knopf von rechts (im Bild rot umrandet). Die orangene Einstelloberfläche von Electri-Q erscheint.
Jetzt muss das Plugin noch konfiguriert werden. Dazu könnt Ihr das Preset herunterladen, das ich vorbereitet habe, und in das Plugin laden. Klickt dazu mit der rechten Maustaste auf das Preset-Feld links unten und wählt “Import Preset…” und danach im Dialog die Datei, die Ihr aus meinem ZIP entpackt habt.
Wenn alles erfolgreich war, müsstet Ihr jetzt einen Frequenzverlauf mit vier markanten Einschnitten erkennen. An genau diesen Frequenzen wird die Vuvuzela herausgefiltert.
Jetzt gilt es nur noch zu bestimmen, welche Audioein- und Ausgänge benutzt werden sollen. Klickt dazu im Menü “Geräte” auf den Punkt “Wave”. Im nachfolgenden Dialog könnt Ihr die Geräte für Ein- und Augang wählen. Wenn Ihr ein Audiogerät mit niedriger Latenz mit ASIO-Treiber verwendet, braucht Ihr nur das Ausgabegerät konfigurieren, dieses wird dann auch gleichzeitig als Eingabegerät verwendet. Sollte es zu Aussetzern im Ton kommen, müsst Ihr die Puffergröße erhöhen. Hängt der Ton dem Bild hinterher, hilft es, die Puffergröße herabzusetzen. Ist über die Puffergröße kein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, ist vermutlich die Hardware an der hohen Latenz schuld und Ihr braucht ein besseres Audio-Interface.

Vuvuzela-Filter für alle! von Hendrik Busch steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter www.surfpoeten.de.
Vuvuzela-Filter für Ableton Live [Update]
Verfasst von Hendrik Busch unter Computer & Technik am 13. Juni 2010
Was früher als Tröte bezeichnet worden wäre, erfreut sich während der WM 2010 in Südafrika des schönen Namens Vuvuzela. Selber schön klingen tut das Ding hingegen nicht und nervt in den Liveübertragungen Spieler, Kommentatoren und Fans. Das man sich wehren kann, hat Tube in einem zigfach in Twitter “re-tweeteten” Post in seinem Blog gezeigt. Ich habe mir erlaubt, den dort beschriebenen Filter in Ableton Live nachzubauen und biete das Preset hier zum Download an. Es enthält Einstellungen für den “EQ Eight”-Effekt und kann einfach über einen der Ableton Live Dateibrowser in die Effektkette der jeweiligen Audiospur gezogen werden.
Ansonsten gilt das gleiche, was bei Tube schon stand: es empfiehlt sich Audio-Hardware mit geringer Latenz, Mac-User sind hier im Vorteil, PC-User können durch günstige Lösungen wie z.B. das Behringer UCA-202 auch entsprechend aufrüsten.
Update 14.06.2010: Habe den Download gefixt, das ganze gibts jetzt als ZIP-Datei. Die Original-ADV-Datei ist eine mit GZip-komprimierte XML-Datei, was einige Browser veranlasst hat sie als Text zu speichern. Mit der ZIP-Datei sollte das Problem jetzt behoben sein. Das Preset wurde mit Live Lite 8.1.3 erstellt und läuft daher vermutlich erst mit Live ab Version 8.
Alle weiteren Neuigkeiten im neuen Post: Vuvuzela-Filter für alle
Musiktheorie – oder wie mir die Schule vermieste, was ich jetzt bräuchte
Verfasst von Hendrik Busch unter E-Gitarre, Musik am 25. Mai 2010
Das hier machte ich für gewöhnlich eher selten und dann meist auch nicht so ausführlich. Aber ich erzähle aus gegebenem Anlass mal einen kleinen Schwank aus meinem Leben.
Ich nehme jetzt seit etwas über einem Jahr Gitarrenunterricht und es sind Fortschritte erkennbar. Ich investiere in mein Training leider nicht so viel Zeit wie ich gerne würde, daher dauert eben alles etwas länger. Ich kann immer noch keine Noten lesen, und das obwohl ich neben dem Gitarrenunterricht vor etlichen Jahren auch ein Abitur gemacht habe und Musik auch eines meiner Fächer war (allerdings nicht im Abitur). Wer in erster Linie Gitarre im Bereich Rock- und Metal spielt, der kommt auch gut ohne Notenlesen aus, Tabulatur ist völlig ausreichend. Auch alles andere, was der Musiktheorie entspringt ist anfangs irrelevant: Welche Tonart hat eine Passage oder ein Lied? Irrelevant, die ändert nichts an den Griffen, die ich lernen muss. Warum sind die Saiten einer Gitarre immer 5 Halbtonschritte auseinander (OK, mit einer Ausnahme)? Na logisch, damit ich die Powerchords leichter greifen kann. Ignoranz, würden die einen sagen. Ich sage: Ergebnis einer gescheiterten musikalischen Erziehung.
Ich kann mich nur dunkel an meine musikalischen Anfänge erinnern. Ich weiß, dass meine Schwester schon früh ein Keyboard bekam, auf dem wir dann herumgeklimpert haben. Dabei blieb es dann auch, denn keiner von uns entwickelte den Antrieb, Keyboard oder gar Klavier lernen zu wollen und unsere Eltern hatten auch keine Pläne für uns in dieser Richtung. Eine weitere Erinnerung stammt aus der Grundschule, als ich als Erstklässler der Verbschiedung der damaligen 4. Klasse beiwohnte, und ich tief beeindruckt war, als die Klasse gemeinsam ein Lied zu Gitarrenbegleitung sang. Auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass die Gitarrenspielfähigkeiten der meisten Grundschullehrer nicht über die “Schrammelgitarre” (wer sich dadurch beleidigt fühlt, ersetze in Gedanken bitte Schrammelgitarre durch Lagerfeuergitarre) hinausgeht, verspürte ich dennoch keinerlei Ambitionen einer musikalischen Betätigung. In den folgenden Jahren nahm ich, wie halb Deutschland, an der musikalischen Früherziehung teil. Ich konnte mich gerade so noch um die obligatorische Blockflöte herumdrücken (die dann meine Schwester bekam) und landete beim pentatonischen Glockenspiel – dem geneigten Leser besser bekannt als Xylophon. Rückblickend konnte ich mich auch hierfür nicht begeistern, ich spielte Glockenspiel nach Liedern, die mich nicht interessierten und malte Noten in mein Heft, die ich nicht verstand. Das ganze war eher eine lästige Pflicht, die mir außerhalb der Schule Zeit zum Spielen raubte.
Die Dinge wurden auf dem Gymnasium nicht besser. Recht schnell stellte sich heraus, dass nahezu jeder ein besseres Gesangstalent war als ich und auch mein Glockenspiel keine Zukunft hatte. Ich fiel daher in die Mittelmäßigkeit eines Musikignoranten zurück, nicht zuletzt auch dadurch bedingt, dass rückblickend den Eindruck habe, meine Eltern hörten eigentlich kaum aktuelle Musik. Vor allem mein Vater fühlte sich in erster Linie Mozart, Beethoven, Bach, Chopin u.a. verbunden. So wurden in den 80ern nicht etwa AC/DC, Helloween oder Iron Maiden meine Begleiter, sondern Freddy Quinn und Baldur Seifert. Nur um das klar zu stellen: ich habe hier nicht die Absicht Vorwürfe zu erheben und vermutlich stimmen meine Aussagen so auch gar nicht, denn ich muss mich auf meine verschwommenen und selektiven Erinnerungen meiner frühen Jugend verlassen. Wer als berühmter Politiker oder Star eine Biografie schreibt, und sich angeblich noch glasklar an die Erlebnisse, die er mit 7 Jahre hatte, erinnert, der lügt – oder zumindest malt er seine eigentlich schlechte Erinnerung zu einer optimierten Version aus. Wer ein besonders krasses Beispiel dafür sehen will, der lese mal die Biografie von Bill Clinton. Erst auf etwa der Hälfte dieses über 1000 Seiten starken Buches erreicht Bill Clinton das Alter von 18 Jahren…aber ich schweife ab.
Da ich also nicht singen konnte und auch kein Instrument spielte, schien mir der Musikunterrich nicht sonderlich attraktiv, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich dort nicht zum oberen Leistungsdrittel gehörte und sich ein wenig Resignation breitmachte, so dass ich dort eher meine Zeit absaß als wirklich etwas zu lernen. Lediglich die mit zunehmendem Schuljahr weniger werdenden gemeinsamen Gesangseinlage gefielen mir. Ich erinnere mich nur noch an wenige Dinge aus dieser Zeit, ich weiß noch dass ein kleines c auf der ersten Hilfslinie unterhalb der Notenlinien steht und dass es etwas gibt, dass man den Quintenzirkel nennt. Er soll wohl recht praktisch sein, ich erinnere mich aber nur daran, dass ich ihn in Form eines Spickzettels bei einem Musiktest dabei hatte und prompt erwischt wurde.
Als dann der Lehrer wechselte und ich eine Lehrerin bekam, gab auch dies keinen Anlass zur Freude, denn schnell war klar, dass es bei ihr Lieblingsschüler und den Rest gab. Während die ohnehin schon musikalisch Begabten noch weiter gefördert wurden, gehörte ich zum Rest und die ungleiche Behandlung trug auch nicht zu meiner Freude an der Musik bei. Fachlich kamen einige neue Disziplinen wie etwa Gehörbildung oder Rhythmus hinzu, in denen ich auch keine Leuchte war: “X, was hörst Du in dieser Aufnahme?” “Ich höre Violinen, Bratschen, Waldhörner, eine Querflöte und im Hintergrund einige Oboen.” Ich hörte nur Streicher und Bläser, wenn überhaupt.
Meine Begeisterung für Musik begann erst in den frühen 90ern, als mir Mitschüler damals eher zufällig CDs von Sodom und Manowar mitgaben, und ich mir das schwarze Album von Metallica kaufte. Ich sollte vielleicht noch hinzufügen, dass ich damals, als das Album aktuell war, es nicht gekauft habe, weil mir Metallica so gut gefiel, sondern – und es ist mir inzwischen nicht mehr peinlich das zuzugeben – um mich in der Klasse beliebter zu machen. Meine CD entwickelte sich dann auch rasch zum begehrten Ausleih- oder Tauschobjekt und wurde etliche Male auf Kassette überspielt, weil der CD-Brenner und MP3 noch nicht erfunden waren. Mit der Zeit entwickelte ich Gefallen an Hetfields Gesang und Hammets Gitarrenspiel und auch die “Non-Poser” von Manowar gehörten schnell zu meinen Lieblingskünstlern (ganz im Gegensatz zu Sodom, die mir überhaupt nicht gefielen).
In der Schule kam sowas nur bedingt gut an: in der “Stellt Euren Lieblingskünstler vor”-Stunde im Musikunterricht wurde meine Vorführung von Creeping Death durch ein “ich glaube, wir haben genug gehört” vorzeitig beendet, da die Lehrerin zwar weder die Band noch die dem Lied zu grunde liegende biblische Geschichte kannte, wohl aber schnell zur Erkenntnis kam, dass dies eine Verschwendung der Unterrichtszeit darstellte. Auch die Gruppe, die Manowar vorstellen wollte, kam nicht weit und musste sich stattdessen Fragen nach der “political correctness” und der ausufernden Verantwortungslosigkeit der Texte anhören. “Ich verstehe nicht, was dieser Text soll. Worum gehts es in Wheels of Fire? Hier wird doch rücksichtsloses Rasen mit dem Motorrad verherrlicht.” Im Kunstunterricht wurden die Kataloge von EMP einkassiert und der Kunstlehrer kündigte einen Elternabend an, weil er dem zunehmendem Einfluss des Satanismus auf die Schüler die Stirn bieten müsse. Auch meinem Religionslehrer war nicht zu vermitteln, dass AC/DC mitnichten “Anti Christ/Death to Christ” bedeutet und die Band dies auch weder besingt noch danach handelt.
Fazit des ganzen: ich entwickelte etwa im Alter von 13 bis 16 einen Musikgeschmack, der damals aneckte, mit dem ich aber zufrieden war. Ich muss hier ausdrücklich mal meine Eltern loben, die meinen Geschmack eben auch als den meinen anerkannt haben, ein Erlebnis, das ihnen vermutlich half, als meine Schwester Fan der Kelly Family wurde. Hätte mir damals jemand das Prinzip der E-Gitarre erklärt und mir eine in die Hand gedrückt, könnte ich heute der zweite Eric Johnson sein. Dies geschah aber nicht und ich selber habe damals niemals an sowas gedacht – zumal Gitarren auch nicht wirklich zu den häufig im Musikunterricht gezeigten Instrumenten gehörten. In der Oberstufe wäre ich dann mit meiner ignoranten Haltung notenmäßig fast auf die Schnauze geflogen, konnte die Note aber retten und wählte danach Musik ab.
Auch in den darauf folgenden Jahren blieb ich nur passiver Konsument von Musik, auch wenn mein Geschmack sich mit der Zeit wandelte und präziser wurde. Die musikalische Grundausbildung von damals habe ich fast komplett vergessen. Wissen, dass ich inzwischen wieder brauche, denn es mag eine zeitlang ausreichen, zu wissen, was in der Tabulatur steht. Aber irgendwann möchte man auch wissen, warum es genau so da steht und was sich der Komponist wohl dabei gedacht hat.
Dem Universum sei Dank ist der alte Spruch “Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmermehr” unzutreffend. Hans braucht nur länger dazu als er als Hänschen dazu gebraucht hätte.
Wahlarena NRW 2010
Verfasst von Hendrik Busch unter Real Life am 29. April 2010
Nach dem Wahl”duell” zwischen den Spitzenkandidaten von CDU und SPD, Rüttgers und Kraft, am vergangenen Montag hatte ich eher wenig Hoffnung für das Duell in der großen Runde am heutigen Abend. Aber es kam dann anders. Ich möchte hier kurz meine Beobachtungen aus der heutigen Diskussion zusammenfassen und bewerten. Bewerten ist dabei der wichtige Punkt, denn diese Darstellung wird nicht objektiv und sie ignoriert auch zahlreiche Aussagen, die meine Aufmerksamkeit nicht nennenswert erregt haben. Wer eine neutrale Wahlberichterstattung lesen möchte, der ist hier falsch.
Warum Hartz IV nicht abgeschafft wird
Verfasst von Hendrik Busch unter Arbeit, Real Life am 4. März 2010
Vor ein paar Tagen bin ich im Rahmen einer Geburtstagsfeier auf zwei Herren getroffen, die als Fallmanager in einem Jobcenter arbeiten. Beide waren, so entnahm ich dem Gespräch, von Grund auf unzufrieden mit ihrer Arbeit, klagten über zuviele “Kunden” für zu wenige Fallmanager. In die Verbitterung mischten sich dann auch Aussagen wie “Wenn der wiederkommt, dann habe ich endlich genügend Gründe für ne 100%-tige. Zwei hat er ja schon gekriegt und die dritte wird gerade verhandelt.” Eine “100%-tige” ist eines der heftigeren Druckmittel aus dem Sanktionskatalog, mit dem die ARGE einen Hartz IV-Empfänger drangsalieren erziehen kann. Was das mitunter für Auswirkungen hat, ist u.a. bei Telepolis ausführlich geschildert worden, exemplarisch sei auf den Artikel “Aushungern und Fordern” hingewiesen. Fallmanager und Leistungsbezieher – zwei Parteien, die eigentlich zusammenarbeiten sollten, stehen sich verfeindet gegenüber.
Wie konnte es dazu kommen? Traurig aber wahr, beide sind Opfer einer unsozialen Politik geworden. Die Fallmanager können nicht anders. Und die Leistungsbezieher auch nicht. Die Missstände, die Hartz IV seit seiner Einführung verursacht hat, sind ebenfalls hinlänglich diskutiert worden und sollen hier nicht wiedegekäut werden. Ich möchte die Frage beleuchten, warum sich in all den Jahren nichts an Hartz IV gebessert hat bzw. warum der politische Wille zur Abschaffung von Hartz IV nicht existiert, zumindest nicht bei denen, die reelle Chancen auf eine Regierungsbeteiligung haben. Ein Gedankenspiel:
Welchem Zweck dient Hartz IV? Irgendwo unter dem Gerede über soziale Absicherung und die Reintegration in den Arbeitsmarkt kann man eine “hidden agenda” ausmachen, einen tieferen Zweck. Hartz IV ist ein Werkzeug geworden, dessen eigentliches Ziel nicht die Arbeitslosen oder die Sozialfälle sind, sondern die einkommensschwachen Schichten, die noch Arbeit haben. Ich unterstelle nicht, dass Hartz IV ursprünglich zu diesem Zweck angedacht war, aber die zu beobachtenden Effekte wurde nicht nur billigend in Kauf genommen sondern aktiv gefördert und provoziert – die Misere ist mit voller Absicht hausgemacht.
Mit viel Medienchaos werden Leistungsempfänger (die historisch eigentlich mal zwei unterschiedliche Gruppen waren, nämlich Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, und daher eigentlich auch unterschiedlich “verarztet” werden müssten) zum Feindbild erhoben. Jeder arbeitende Bürger und jeder Rentner hat einen Grund, Hartz IV-Empfänger zu verabscheuen, so wird suggeriert. Ein faules Pack, das arbeiten könnte, aber nicht will, und mit dieser Verweigerungshaltung auch noch mehr Geld bekommt als Vollzeitbeschäftigte in Niedriglohnjobs und trotzdem noch betrügt wo es geht. “Arbeit muss sich wieder lohnen!” schallt es aus der Politik – und meint damit nicht etwa einen Anstieg der Löhne, sondern eine Absenkung der Hartz IV-Leistungen. Und das geBILDete Volk klatscht Beifall. Das Arbeit sich in nahezu jedem Fall lohnt, hat gerade erst der Paritätische Gesamtverband mit einer Studie belegt: Damit sich Arbeit lohnt. Das Getöse um Hartz IV sollte damit eigentlich verstummen, da ja widerlegt, aber das Getöse erfüllt einen Zweck: es suggeriert der Gesellschaft, Hartz IV ist fürchterlich, der schlimmste Abstieg, den man erleiden kann. Zusammen mit den Gruselgeschichten, die Hartz IV-Empfänger über die ARGE, die Sanktionen, die Kontrollen, die Bewerbungen, usw. erzählen, wird Hartz IV so zur Horrorvorstellung für jeden Arbeitnehmer. Und wer solche Angst vor der Arbeitslosigkeit hat und auch reell von ihr bedroht ist, der lässt sich zu Zugeständnissen drängen. Die Folge: niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Und genau darum geht es: einen “gefügigen” und flexiblen Niedriglohnsektor zu etablieren und zu pflegen.
Ein Spiel, bei dem alle verlieren. Die Hartz IV-Empfänger verlieren, weil sie in den Mühlen dieses Systems langsam zermahlen werden und durch Hartz IV sozial gebrandmarkt sind. Die Mitarbeiter der Jobcenter verlieren, weil sie die Aufgabe, die man ihnen gegeben hat, mit dem Werkzeug, das man ihnen gegeben hat, überhaupt nicht erfüllen können – Kobayashi Maru. Die Einkommensschwachen verlieren, denn auf sie zielen alle Maßnahmen ab, sie machen Zugeständnisse und lassen sich erpressen. Wer ein höheres Einkommen hat, ist so gut wie nie von Hartz IV betroffen und macht sich daher auch weniger Sorgen. Doch auch diese Gruppe verliert, denn sie wird von der Politik und den Medien manipuliert.
Wenn aber so viele verlieren, wer gewinnt denn dann? Zum einen gewinnt die Politik. Hartz IV eignet sich sehr gut, um sich auf Kosten der Arbeitslosen zu profilieren. Nachdem man die nach Kindern sozial schwächste Gruppe zu Schmarotzern gestempelt hat, kann man Wählerstimmen sammeln, wenn man den geblendeten Massen verspricht, den Missbrauch einzudämmen. Eine perfide Taktik, funktioniert aber. Und von allen weiteren Gewinnern profitiert indirekt auch wieder die Politik. Weitere Gewinner der Situation sind Unternehmen, denn ihnen steht ein recht großer Pool an billigen Arbeitskräften zu Verfügung, der Niedriglohnsektor, der durch Hartz IV im Zaum gehalten wird. Ebenso profitieren diverse Organisationen, Kirchen und auch Städte und Gemeinden, denn bei Ihnen stehen die 1-Euro-Jobber unter Vertrag, Arbeitskräfte, die man nicht wirklich bezahlen muss, die aber trotzdem Vollzeitstellen innehaben. Und diesen Leuten bleibt keine Wahl, um weiter uneingeschränkt Leistungen beziehen zu können, müssen sie solche Jobs annehmen. Was man früher Zwangsarbeit nannte, heißt heute 1-Euro-Job und hat für die Politik noch den schönen Nebeneffekt, dass die Arbeitslosenzahlen geschönt werden. Denn wer sich in einem 1-Euro-Job oder auch einer Weiterbildungsmaßnahme befindet, der gilt nicht als arbeitslos.
Das alles kulminiert in einer Erkenntnis: es kann keinen politischen Willen geben Hartz IV abzuschaffen, so lange die Kritiker in der Minderheit sind und das Volk sich hinters Licht führen lässt.
Zum Abschluss noch eine (einseitige) Auswahl an Artikeln, nach denen klar sein sollte, was für ein Elend Hartz IV letzten Endes ist:










